Die Geometrie des Erdenantlitzes
von Klaus Weißinger
Gestalt- und Antlitzanalogien
Das Erdenantlitz ist geprägt von der Gestalt und Verteilung der Landmassen im Verhältnis zu den Wasserflächen. Dem Betrachter erscheinen die Umrisse der Kontinente, der Verlauf von Gebirgen usw. zufällig. Auf der Oberfläche der Erde sind jedoch zunächst nicht sichtbare regelmäßige geometrische Strukturen vorhanden. Aufgebaut werden sie dadurch, dass zwischen einer bestimmten Art von besonderen Bergen erstaunliche geometrische Lageverhältnisse existieren.
Im Folgenden soll eine bislang verborgen gebliebene geometrische Struktur - das Sphärische Erdentetraeder - und dessen innige Beziehung zum Erdenantlitz aufgezeigt werden. Eng mit dem Thema verbunden ist auch die Frage des Nullmeridians, die daran anknüpfend erörtert wird. Schließlich sollen noch einige Gedanken allgemein zu besonderen Bergen dazugestellt werden.
Das Sphärische Erdentetraeder
Betrachtet man die Erde als Ganzes, so gehören die jeweils höchsten Berge jedes der sieben Kontinente im oben beschriebenen Sinne zu dem Typus der besonderen Berge, ragen sie doch über alle anderen Berge kontinentbezogen hinaus.
- Nordamerika: Denali (Mount McKinley)
- Europa: Mt. Blanc
- Afrika: Kilimandscharo
- Asien: Mt. Everest
- Südamerika: Aconcagua
- Australien: Mt. Kosciuszko
- Antarktis: Vinsonmassiv
Vergleicht man die Entfernungen dieser Berge untereinander, so treten unter ihnen zunächst vier in einen Zusammenhang: der Denali, der Kilimandscharo, der Aconcagua und der Mt. Kosciuszko. Die drei letztgenannten befinden sich auf der Südhalbkugel, und vergleicht man die Entfernungen zwischen ihnen, so kann man Folgendes feststellen:
- Aconcagua \(\leftrightarrow\) Kilimandscharo \( 11380 \, \mathrm{km} \)
- Mt. Kosciuszko \(\leftrightarrow\) Aconcagua \( 11350 \, \mathrm{km} \)
- Kilimandscharo \(\leftrightarrow\) Mt. Kosciuszko \( 11660 \, \mathrm{km} \)
Die Abstände sind – bezogen auf die große Entfernung – ziemlich gleich. Verbindet man diese drei Berge, so erhält man ein gleichseitiges sphärisches (auf der Kugeloberfläche liegendes) Dreieck (Abb.1).
Abb. 1: Gleichseitiges Dreieck Kilimandscharo - Aconcagua - Mt. Kosciuszko
Der vierte Berg in diesem Bund ist der Denali.
- Denali \(\leftrightarrow\) Aconcagua \( 12900 \, \mathrm{km} \)
- Denali \(\leftrightarrow\) Mt. Kosciuszko \( 12300 \, \mathrm{km} \)
- Denali \(\leftrightarrow\) Kilimandscharo \( 13260 \, \mathrm{km} \)
Betrachtet man die Gesamt-Erde und verbindet diese vier Berge miteinander, so erhält man vier Dreiecke. Wie schon beschrieben ist das Dreieck auf der Südhalbkugel gleichseitig, die anderen drei sind beinahe so vollkommen (Abb.2, Abb.3, Abb.4).
Abb. 2: Gleichseitiges Dreieck Kilimandscharo - Denali - Aconcagua

Abb. 3: Gleichseitiges Dreieck Kilimandscharo - Denali - Mt. Kosciuszko
Der geometrische Körper, der aus vier gleichseitigen Dreiecken besteht, ist das Tetraeder (Abb. 5).

Abb. 5: Tetraeder
Werden diese vier Dreiecksflächen auf eine Kugeloberfläche gedehnt, erhält man ein sphärisches Tetraeder. Durch die vier genannten Berge wird ein solches Tetraeder gebildet, welches hier als das Sphärische Erdentetraeder bezeichnet werden soll. Vergleicht man die Entfernungen der Eckpunkte untereinander, so stimmen sie recht genau überein.
Die geometrische Struktur und Ausrichtung des Erdenantlitzes
Die Besonderheit des Kilimandscharos
Ein wichtiges Merkmal des Sphärischen Erdentetraeders stellt seine Verbundenheit mit dem Erdenantlitz dar. Der Kilimandscharo weist von seiner Lage her die Besonderheit auf, dass er beinahe auf dem Äquator liegt (\( 3{,}1^\circ \) südlich). Von Afrikas höchstem Berg gehen die Linien zum Aconcagua und Mt. Kosciuszko jeweils im gleichen Winkel nach Südwest bzw. Südost (Abb. 6). Zudem liegen diese beiden Berge nahe dem 35ten südlichen Breitengrad, d.h. gleich weit südlich, und beide befinden sich am äußersten Gebirgsrand ihres Kontinentes (Abb. 2-4). All dies ist also exakt spiegelverkehrt bezogen auf den Meridian, der durch den Kilimandscharo geht (Abb. 6).

Abb. 6: - Mittelpunktstellung des Kilimandscharos
Die außergewöhnliche Lage des Kilimandscharos wird auch dadurch unterstrichen, dass seine Verbindung zum Denali, eine fast exakt in Nord-Süd-Richtung verlaufende Linie, die kontinentalen Landmassen in Ost und West teilt (Abb.6). Das linke Dreieck begrenzt im Westen gleichsam Nord- und Südamerika (Abb.2), das rechte im Osten Asien und Australien (Abb.3), während das hintere Dreieck beinahe den gesamten Pazifik einschließt (Abb.4).
Nimmt man die drei anderen Berge, den Mt. Blanc, den Mt. Everest und das Vinsonmassiv hinzu, wird die Symmetrie des Erdenantlitzes und das Herausragen des Kilimandscharos darin noch deutlicher. Diese Berge zählen nicht zum Sphärischen Erdentetraeder, stehen aber zu ihm in engem Bezug, und zwar gerade über den Kilimandscharo. Die beiden von diesen drei Bergen, die sich auf der Nordhalbkugel befinden, der Mt. Blanc und der Mt. Everest, haben den nahezu gleichen Abstand zu ihm (Abb.7):
- Kilimandscharo \(\leftrightarrow\) Mt. Blanc \( 6220 \, \mathrm{km} \)
- Kilimandscharo \(\leftrightarrow\) Mt. Everest \( 6290 \, \mathrm{km} \)
Abb. 7: - Kilimandscharo - Mt. Blanc und Kilimandscharo - Mt. Everest
Addiert man alle sechs Abstände der Berge des Sphärischen Erdentetraeders und teilt die Summe wieder durch sechs, erhält man den mittleren Abstand: \( 12140 \, \mathrm{km} \). Die Hälfte dieses Abstands beträgt \( 6070 \, \mathrm{km} \), was in etwa gerade der Entfernung dieser beiden zuletzt genannten Berge vom Kilimandscharo entspricht (man vergleiche diese Entfernungen mit dem Erdradius, der \( 6378 \, \mathrm{km} \) beträgt).
Auch das Vinsonmassiv fügt sich quantitativ und qualitativ in das Erdenantlitz. Die Entfernungen Vinsonmassiv - Mt. Blanc mit \( 15000 \, \mathrm{km} \) und Vinsonmassiv - Mt. Everest mit \( 14330 \, \mathrm{km} \) liegen nahe beieinander und sind jeweils gerade (etwa) das Doppelte der Entfernung Mt. Blanc - Mt. Everest mit \( 7170 \, \mathrm{km} \) (Abb. 8 und9).
Abb. 8: Die gleichschenkligen Dreiecke Vinsonmassiv - Mt. Blanc - Mt. Everest
Abb. 9: Gleichschenklige Dreiecke
Zudem stellt die Linie vom Kilimandscharo zum Vinsonmassiv die recht genaue Verlängerung der Linie Denali - Kilimandscharo nach Süden dar, wodurch die Rechts-Links-Symmetrie noch deutlicher wird.
Durch diese zusätzlichen besonderen Beziehungen verstärkt sich die außergewöhnliche Lage des Kilimandscharo. Nicht nur seine besondere Lage auf der Erde macht den Kilimandscharo zu einem einzigartigen Berg. Er ist so entstanden, dass Shira (\( 3943 \, \mathrm{m} \)) und Mawenzi (\( 5121 \, \mathrm{m} \)), zwei benachbarte Vulkane, durch ihre immer wieder ausfließende Lava einen gigantischen gemeinsamen Sockel (\( ca.\; 50 \times 60 \, \mathrm{km} \)) aufgebaut haben. Auf diesem Sockel schließlich bildete sich mittendrin Kibo, der dritte Vulkan, dessen Gipfel, der Uhuru Peak, \( 5895 \, \mathrm{m} \) erreicht. Diese Dreiheit der Vulkane macht erst den Kilimandscharo aus. Die Linie zwischen Shira und Mawenzi geht genau zwischen dem Krater des Kibo und dem Gipfel, dem Uhuru Peak, hindurch.
Einzigartig in Afrika ist die Vergletscherung und ebenso einzigartig ist die Tatsache, dass alle Klimazonen, die sonst horizontal vom Äquator zu den Polen verlaufen, hier vertikal auf einer Länge von \( 30 \, \mathrm{km} \) zu finden sind. Oben Schnee- und Eisregion, sehr trocken, dann nach unten immer heißer und feuchter mit bis zu \( 2500 \, \mathrm{mm} \) Jahresniederschlag, so dass an den Hängen tropischer Regenwald zu finden ist, schließlich am Fuß in etwa \( 1000 \, \mathrm{m} \) Höhe wieder Trockenheit, die Savanne, in der Giraffen und Elefanten leben. Man bedenke diesen enormen Höhenunterschied von fast \( 5000 \, \mathrm{m} \) zwischen Gipfel und Fuß auf dieser kurzen Distanz.
Viele der besonderen Berge weisen einzigartige Merkmale auf, vor allem in dem, was die Physiognomie betrifft, und dies gilt auch für die jeweils höchsten Berge der Kontinente, aber durch die genannten Eigenschaften ist der Kilimandscharo wie ein König unter ihnen.
Besondere Verbindungen
Am Beispiel der jeweils höchsten Berge der sieben Kontinente wird deutlich, dass die besonderen Berge über ihre Lage und die Entfernungen untereinander nicht isoliert dastehen, sondern in eine geometrisch-räumliche Struktur eingebunden sind. Dass es im kleineren noch viele solcher Strukturen auf der Erde gibt, hat der Autor bei verschiedenen öffentlichen Vorträgen dargestellt.
Die beiden globalen Symmetrieachsen und die Frage nach dem natürlichen Nullmeridian
Um sich auf der Erde orientieren zu können, hat man seit den Griechen die Erdkugel einem Gradnetz unterzogen. Der Äquator als längster Breitenkreis und damit als Ausgangspunkt (\( 0^\circ \)) war immer unumstritten. Die Festlegung des Ausgangspunktes der Längenkreise hat jedoch eine eigene Geschichte. Zunächst verlief der Nullmeridian durch Alexandria, da dort Eratosthenes lebte, welcher als erster die Erdoberfläche in ein Gradnetz einteilte. In späteren Zeiten stellte dieser Meridian einfach die westliche Begrenzungslinie der den Griechen bekannten Welt dar und ging durch die Kanarischen Inseln.
In der Neuzeit akzeptierte man schließlich nach verschiedenen Auseinandersetzungen vor allem zwischen Großbritannien und Frankreich, dass der Nullmeridian dadurch festgelegt ist, dass er durch Greenwich (London) geht. Großbritannien konnte dadurch seine Weltmachtstellung (Commonwealth) dokumentieren. Diese Festlegung erfolgte aus politischen Gründen und ist rein willkürlich.
Durch die Symmetrien des Sphärischen Erdentetraeders und die besondere Lage des Kilimandscharos darin ergibt sich nun jedoch eine wie beim Äquator ebenfalls natürliche Festlegung. Der Äquator ist die horizontale Symmetrieachse der Erde, an ihm spiegeln sich die beiden Pole, die Polar- und Wendekreise, die durch den jahreszeitlich bedingten Lauf der Sonne am Himmel der Natur angepasste Breitenkreise sind, sowie die Solarzonen der Erde und davon abhängig auch die Klimazonen, welche jedoch noch durch verschiedene Einflussfaktoren in ihrem Verlauf abgewandelt werden.
Die vom Vinsonmassiv über den Kilimandscharo und Denali verlängerte, erdumspannende Nord-Süd-Linie des Sphärischen Erdentetraeders stellt dagegen – wie gezeigt – die vertikale Symmetrieachse dar. Die horizontale und die vertikale Spiegelungsachse kreuzen sich (auf der Vorderseite der Erde) auf dem Kilimandscharo. Für den Autor der vorliegenden Schrift ist es deshalb naheliegend, diesen Bezugspunkt als den eigentlichen, natürlichen Nullmeridians vorzuschlagen. Die Nord-Süd-Linie des Sphärischen Erdentetraeders weicht allerdings etwas von dem so gewonnenen natürlichen Nullmeridian ab, da sie vom Kilimandscharo ausgehend nicht ganz genau nach Norden und Süden zum Denali bzw. zum Vinsonmassiv hin verläuft (Abb. 8 und 10).
Abb. 10 Natürlicher Nullmeridian durch Kilimandscharo
Die besonderen Berge der Erde
Man könnte gegen das hier Vorgetragene einwenden, dass die Abstände nicht völlig übereinstimmen und dass es keine naturwissenschaftliche Erklärung dafür gibt.
Die folgende Betrachtung verlässt die geometrische Beschreibungsebene und fragt nach möglichen Bedeutungen dieser Struktur.
Von jeher hatte der Mensch eine besondere innere Beziehung zu denjenigen Bergen, die sich durch ihre Gestalt, Höhe, Lage, Geschichte oder Ausstrahlung von anderen Erhebungen unterscheiden. Um nur einige dieser besonderen Berge zu nennen: Olymp, Mont St. Michel, Matterhorn, Brocken, Ararat, Berg Sinai, Kailash, Fujiyama, Machu Picchu, Ayers Rock.
Es gibt nun – rein äußerlich gesehen – grundlegende Eigenschaften, die diese besonderen Berge gemeinsam haben. Sie ragen zumeist über andere Berge in der näheren oder weiteren Umgebung hinaus, wenigstens aber hat man von ihnen im Gegensatz zu anderen Erhebungen in der Nähe einen umfassenden Ausblick in die Landschaft. Zudem haben diese Berge fast immer eine markante Gestalt. Steht man auf dem Gipfel eines solchen Berges, so hat man einen ungehinderten Überblick. Man kann die verschiedenen Elemente der Landschaft im Zusammenhang betrachten, die Ferne erschließt sich, der Himmel ist geweitet.
Während die Erdenkräfte durch die größeren Gesteinsmassen unter den Füßen stärker wirken, sind einem gleichzeitig die Himmelskräfte näher (vergl. Goethes Aufsatz "Granit"). Man befindet sich gegenüber dem alltäglichen Leben in einem Ausnahmezustand. In den keltischen Heiligtümern z.B. oder auch in den Michaelsheiligtümern, die sich auf solchen besonderen Bergen befanden (und z.T. noch befinden), wurde die gleichsam räumliche Nähe zu den Göttern empfunden. In manchen Mythologien waren auf solchen Gipfeln sogar regelrechte Wohnstätten der Götter angesiedelt (z.B. auf dem Olymp). Viele Völker verehren auch heute noch heilige Berge (z.B. Fujiyama). Auch im Christentum spielten Berggipfel eine besondere Rolle (z.B. der Berg Sinai und der Ölberg). Ein jeder dieser besonderen Berge stellt aufgrund der genannten Eigenschaften eine einzigartige Individualität dar.
Um was könnte es sich bei dieser Verteilung der Berge handeln? Naturwissenschaftlich gesehen gibt es – bis jetzt - keine Erklärung für diese geometrische Verteilung, die sich durch Plattentektonik, Orogenese und Vulkanismus ergeben hat. In der Natur spielt die Geometrie jedoch allgemein eine große Rolle. Das gilt im Großen (Ellipsenbahn der Planeten) wie im Kleinen (Sechseckform der Schneeflocken), um nur wenige Beispiele zu nennen. Aus religiöser Sicht geben viele alte und gegenwärtige Kulturen dagegen einen deutlichen Hinweis: Die besonderen Berge, wie sie oben beschrieben wurden, werden vielerorts als heilig angesehen, d.h. sie haben eine Verbindung zum Kosmos, zu den Göttern, zum Geistigen. Die zahlreichen besonderen Berge der Erde sind unter diesem Gesichtspunkt Orte, die nicht nur vertikale Verbindungen zum Kosmischen schaffen, sondern offensichtlich auch horizontal zu den anderen besonderen Bergen. Dabei entsteht ein globales geometrisches Netz. Wie eine geometrische Gestaltung bei der Erde hat entstehen können, bleibt – vorerst – offen.






